Ein Gastkommentar von Markus Penz:
Dass das Internet in seiner großen Wachstumsphase in den 90ern als autonome Zone abseits der verwalteten Welt erhalten geblieben ist, muss eigentlich fast als Wunder angesehen werden. Denn zweifelsohne wurde hier ein ganzes Universum menschlicher Produktion und Interaktion übersehen, das so der fortschreitenden Monetarisierung sämtlicher anderer Lebensbereiche teilweise entging. Dass dies in den letzten Jahren sehr wirkungsvoll nachgeholt wird, kann man u.a. am Beispiel Facebook sehen, das seinen Wert beim Börsenstart mit absurden 100 Milliarden Dollar bei nur marginalem materiellem bzw. technologischem Wert bezifferte. Ganz ohne Grund werden solch blasenhaft anmutende Summen natürlich nicht genannt, strebt die wirtschaftliche Elite doch eine großangelegte Urbarmachung des sogenannten Zukunftsmarktes Internet an. Mit einer Monetarisierung sämtlicher Aspekte der virtuellen Welt geht auch deren zunehmende Verwaltung einher, internationale Abkommen wie ACTA, SOPA oder CETA zur Überwachung, Regulierung und Reglementierung werden dafür den Rahmen bilden. Der Kampf um die letzten freien und autonomen Pfründe im Datennetz gestaltet sich jedoch als Rückzugsgefecht. Erfolgreiche Scharmützel gegen Attacken auf die Netzneutralität wie im Falle ACTA können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die wirklich freie Nutzung des Internet nur mehr in dessen Peripherie möglich ist. Es sei deshalb zur Herausbildung echter Perspektiven im Urheberrecht in Bezug auf geistiges Eigentum aufgerufen, solche die das Recht auf ”Eigentum“ in diesem Bereich ernsthaft hinterfragen. Vorstöße dieser Art sind keineswegs neu, vielmehr repräsentieren sie den Kern einer Kultur des Internet, die aktuell leider nicht mehr in der Mehrheit seiner User fortlebt. Die grundlegende Rechtfertigung für die Forderung nach freiem Zugang zu sämtlichen Immaterialgütern findet sich z.B. im ”dotCommunist Manifesto“, 2003:
“Die Gesellschaft sieht sich mit der schlichten Tatsache konfrontiert, dass der Ausschluss vom Besitz schöner und nutzbringender intellektueller Erzeugnisse – und von dem Wert all dieser Wissenszuwächse für die Menschen – nicht länger der Moral entspricht, wenn jedermann sie zu den gleichen Kosten wie jede Einzelperson besitzen kann. Hätte Rom die Macht gehabt, jedermann zu ernähren, ohne dass daraus weitere Kosten als die entstanden wären, die für Cäsars eigene Tafel zu zahlen waren, hätte man Cäsar mit Gewalt verjagt, wenn noch irgend jemand hätte verhungern müssen. Das bürgerliche System des Eigentums verlangt jedoch, Wissen und Kultur nach Maßgabe der Zahlungsfähigkeit zu rationieren.“
– Eben Moglen, The dotCommunist Manifesto (Übersetzung: Wikipedia)
Das bedeutet nichts anderes, als dass es aufgrund der Möglichkeit praktisch kostenloser Vervielfältigung und Distribution von immateriellen Gütern im Internet eigentlich keinen Grund gibt, den Zugang dazu von der individuellen Finanzkraft abhängig zu machen. Diese Art der Diskriminierung fördert dagegen nur eine kulturelle Drift zwischen Vermögenden und Nichtvermögenden, eine Tendenz, der durch den freien Zugang zu Information und Kommunikation sehr einfach entgegengesteuert werden könnte. Es bedeutet jedoch nicht, dass die virtuelle Gemeinschaft in Zukunft die Hingabe an kreative Schaffensprozesse nicht mehr würdigen möchte. Dafür legen erfolgreiche Traditionen der Produktion im Internet wie Open-Source oder Creative-Commons ein eindrucksvolles Zeugnis ab. Die Angst, sämtliches kulturelle Schaffen käme zum Erliegen, ist eine von der Kulturindustrie erschaffene Schimäre. Sie verneint jede ureigene Befriedigung, die einer kreativen Tätigkeit entspringt, und lässt nach kapitalistischer Doktrin allein monetäre Werte als Maßstab gelten. Eine Meinung dazu, die mehr dem Mainstream entspringt, wird deutlich im Manifest ”We, the web kids“ von 2012 wiedergegeben:
“Es [der freie Datenzugang, Anm.d.V.] bedeutet nicht, dass wir Zugang zu allen kulturellen Gütern verlangen, ohne dafür zahlen zu müssen – obwohl wir das, was wir selbst schaffen, meistens einfach nur in Umlauf bringen. Wir verstehen, dass Kreativität – trotz der zunehmenden Verbreitung von Technologien, mit denen jeder Mensch Film- oder Musikdateien in einer Qualität erstellen kann, die früher Profis vorbehalten war – immer noch Anstrengungen und Investitionen erfordert. Wir sind bereit zu zahlen, aber die gigantischen Aufschläge der Zwischenhändler erscheinen uns ganz einfach als unangemessen. Warum sollten wir für die Verbreitung von Informationen zahlen, die schnell und perfekt kopiert werden können, ohne den Wert des Originals auch nur um ein Jota zu verringern?“
– Piotr Czerski, Wir, die Netz-Kinder (Zeit-Online)
In den Chefetagen der Kulturindustrie wird eine jede solche Forderung jedoch reale Angst auslösen, da deren allumfassende Hegemonie bei der Öffnung geistigen Eigentums tatsächlich ins Wanken geriet. Und gerade hier ist die größte Chance einer solchen Revolution zu sehen. Denn die Überführung immaterieller Güter in die Sphäre der Commons (oder Gemeingut bzw. Allmende), die im Internet extrem einfach zu bewerkstelligen wäre und tatsächlich traditionell schon immer bestand, kann die Diskussion um allgemeine Commons nachhaltig beeinflussen. Was auf diese Weise in der virtuellen Welt beginnt, der freie und uneingeschränkte Zugang zu Information und Kommunikation, muss folgerichtig auch auf viel grundlegendere Bereiche wie Lebensraum und Grundversorgung ausgedehnt werden. Die Angst konservativer Lobbys ist also durchaus berechtigt.
– Markus Penz, September 2012 (CC BY 3.0 Lizenz)