MIHI Y U NO VOTE PIRATES?

Abgesehen von ihren Vertretern gibt es für mich noch einen weiteren Grund die Piratenpartei nicht zu wählen: Sie sehen Ideologiefreiheit als ihre größte Stärke.
Eine politische Ideologie zu haben scheint in den letzten Jahren uncool geworden zu sein. Nicht nur in der breiten Bevölkerung, sondern auch in den Rängen der politischen Klasse. Entscheidungen werden nicht mehr mit Ideen, wie eine Gesellschaft funktionieren sollte, beantwortet, sondern einzig und allein mit Sachzwang. Nach und nach haben sich Parteien für ideologiefrei erklärt – allen voran die rechten. Die scheinbare Ideologiefreiheit hat uns jedoch ganz ordentlich in die Misere gebracht. Sozialleistungen und Bildungsbudgets wurden geopfert um marode Banken zu retten – uns bleibt ja keine Alternative. Menschenrechte werden allerorts eingeschränkt – sonst droht uns das Chaos von Terrorismus und Aufständen.
Eine Partei ist nun angetreten die Politik mal kräftig zu ändern. Eine Partei, von der scheinbar nicht nur ihre Proponenten viel erwarten: Die Piratenpartei. Mit einem neuen Verständnis von Offenheit und Transparenz soll Politik gemacht werden. Jedoch verspricht die Piratenpartei nicht etwas radikal Neues, sie will nur noch mehr Ideologiefreiheit und “Sachpolitik”. Danke, davon hatte ich schon genug.
Die Frage, die Politik für mich beantworten soll, lautet: In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Eine hochideologische Frage – für alles andere haben wir Beamte. Sachpolitik hat uns in die Krisen manövriert, mit denen wir im Moment zu kämpfen haben. Was ich mir wünsche ist wieder über Ideologien zu diskutieren, wieder die Frage zu stellen, wie wir eine digitale Gesellschaft leben wollen. Gerade weil die Piraten keine Antwort auf diese Frage geben wollen, sind sie für mich unwählbar.
UPDATE: Zu diesem Artikel ist eine Entgegnung auf Zib21 erschienen.

13 Gedanken zu “MIHI Y U NO VOTE PIRATES?

  1. Ich denke schon, dass die Piratenpartei eine Ideologie hat – auch wenn man diese nicht umbedingt gut in das rechts-links Schema packen kann.
    Oder stehen die Piraten nicht für ein freies Netz, freier Bildung, Meinungsfreiheit und gegen “unnötige” künstliche Einschränkungen? Wünschen sich die Piraten keine gerechte Welt mit möglichst viel Mitbestimmungsrecht für jede einzelne Person? Und Eine Welt wo Technologie für alle zur Verfügung steht um den einzelnen Menschen möglichst viele Chancen zur Selbstverwirklichung und Auslebung der persönlichen Freiheiten zu geben?

    Ich habe zumindest schon ein “Idealbild” welches ich stark mit den Grundwerten der Piratenbewegung assoziiere.

    Allerdings vermittelt die Piratenpartei in Österreich nicht gerade den Eindruck, als würden sie auf dieser Basis arbeiten.

  2. Kann mich redplanet da voll anschliessen.
    Ich glaube ein eventueller Fehleindruck entsteht auch deswegen, da einige der Ziele bzw. ideologische Grundlagen der Piraten auf einer Metaebene sind. Beispielsweise Stärkung der Direktdemokratie, Transparenz, Redefreiheit, der bürgerlichen Freiheiten und Rechte, Privatssphäre, etc.
    Wofür diese Mitbestimmungsmöglichkeiten bzw. Freiheiten dann genutzt werden, liegt dann bei jeder/-m einzelnen.

    Abgesehen davon gibt es auch sehr viel gut fassbares, ie. die von redplanet angesprochen Ansichten.

  3. Ich glaub, dass mit “Ideologiefreiheit” eher “Parteiideologiefreiheit” gemeint ist, durch pragmatische Erweiterung des Selbstverstaendnisses, dass Phaenomene wie Klubzwang und seine Brueder und Schwestern scheisse sind.

    Das ist mehr eine Definitionsfrage als eine ideologische. Mich stoert an der aktuellen Politik zB dass ich Beduerfnisse grosser Teile der Bevoelkerung quasi verleugne wenn ich bestimmte Parteien aufgrund ihrer “Ideologie” ablehne. Hier werden einzelne Probleme schlecht kommuniziert, und rutschen dann in einen Ideologietopf, der dann vom Waehler mit seinem urspruenglichen Problem zusammen wieder aufgenommen wird. Dadurch entsteht dann ein “Wir gegen Die”, das vernuenftige Politik unmoeglich macht.

    Und das ist Kacke. Das brauch ich nicht. Lieber ist mir, jeder bringt seine Probleme und Ansichten unabaengig von einer Leitideologie an den Tisch, und dann sucht man sich faktenorientiert die beste Loesung, an der moeglichst alle mitarbeiten.

    • Der letzte Absatz ist für mich bezeichnend für diese Art des Denkens. Faktenorientiert die beste Lösung zu suchen. Leider geht dieser Ansatz davon aus, dass wir komplexe Systeme (wie z.b. unsere Gesellschaft) verstehen und Ökonomie eine exakte Wissenschaft ist. Das triffts allerdings nicht. Gerade letztere ist Stark ideologisch geprägt – Ergo Faktenbasiert kann ich keine Lösung finden.

  4. in einer heterogenen menge ohne leithammel eine gemeinsame linie zu finden ist schwierig bis unmoeglich. grundsaetzlich stehen piratenparteien fuer eine aenderung der politischen verhaeltnisse, richtung direkter demokratie und einfuehrung neuer instrumente. wir ermoeglichen mehr einflussnahme in politischen prozessen und versuchen damit der abgewandtheit und dem desinteresse der leute entgegen zu treten.
    wenn sich immer mehr leute von der politik verabschieden, ihren demokratischen rechten und pflichten nicht mehr nachkommen, die wahlbeteiligung immer weiter richtung keller sinkt, dann ist das ein schleichendes gift fuer die demokratie. es hoehlt aus, macht lethargisch und verwundbar gegen gefaehrliche stroemungen.

    es ist die vornehmste aufgabe der piraten gerade diese lethargie zu bekaempfen. wenn wir das interesse bei den leuten wieder wecken, haben wir schon gewonnen.

    • Naja 1.) So heterogen empfind ich die Piraten nicht, 2.) gibt es leider genug Menschen, die sich als Leithammel aufspielen. Aber das ist eine andere Diskussion und soll ein andermal geführt werden.

      Zur Lethargie, die unsere Demokratie zur Farce verkommen lässt: Um Menschen mehr Einzubinden brauche ich keine neue Partei. Wir (die Menschen in Europa) müssen die Kontrolle ausüben, die uns Verfassungsmäßig zusteht.

      Keine Angst, wir kriegen das schon hin.

      • @lethargie & keine neuen parteien
        doch wirst du brauchen. buergerinitiativen gibt’s hier zur genuege.
        angefangen von euch ueber die wessely mit aktion21 bis hin zu den vielen unbekannten quer uebers land verstreuten. nur, was bringt dir das, wenn du (wie du bemerkt hast) einfluss darauf nehmen willst, wie die gesellschaft sich entwickelt?
        du wirst keinen hund hintern ofen hervor locken mit ein paar demos und verfassungsklagen. bei den wahlen bleiben die meisten dann doch wieder fern und das muss geaendert werden und das kannst du nur wenn du alternativen anbietest.
        ohne parlamentarische unterstuetzung wird ‘s halt unendlich schwerer.

    • Ein wütender (wählender/wählbarer) Mob ohne Leitbild bringt dann halt auch nicht viel – von dem Standpunkt her kann ich den mihi durchaus verstehen. Man muss irgendwo auch eine ungefähre gemeinsame Vorstellung davon haben, wie die Regeln des gemeinsamen Zusammenlebens aussehen.

      In der theorie:
      Würde sich die FPÖ-Marketing-Argentur dafür einsetzen, dass ganz viele Leute die interessen der FPÖ in der Piratenpartei durchsetzen (zb durch überschwämmung der Partei mit eigenen Leuten), wäre für mich die Piratenpartei Österreichs kein Teil der Piratenbewegung.
      Da kann es dann noch so viel Liquid Feedback geben, die Leute werden nach anderen Mustern handeln.

      Die österreichische Piratenpartei wird im Moment tatsächlich überschwämmt. Nicht gezielt und auch nich mit bösen Absichten. Nein. Aber mit vielen Leuten die einfach mal Politik machen wollen, allerdings ohne diese “Piratenideologie” (siehe meinen ersten Post) verinnerlicht zu haben.
      Ich denke, dass dieses Phänomen in jeder wachsenden Partei auftritt.
      Die Partei verliert in diesem Prozess ein großes Stück ihrer Identität. Umso wichtiger wäre es, diese Grundprinzipien der Piratenbewegung innerhalb der Partei besser zu manifestieren – sonst ist die Piratenpartei einfach nur eine weitere Protestpartei mit Onlinetools als kleines Extra.

      • ah, ein kernie :)
        nein, wir werden die kernthematik der bewegung nicht vergessen.
        dafuer werd ich mich auch einsetzen, ich bin ja schon allein von meiner historie ein kernthemenverfechter.

  5. ideologie ist religion ohne gott. unter der fahne der religion tun menschen anderen seit generationen abscheuliches an. von daher ist es zu begrüssen wenn vermehrt ideologiefrei debattiert wird – wobei ich bezweifle, dass das ideologische heute wirklich abgenommen hat, es präsentiert sich nur anders.

    aber wenn es so wäre, wäre es die logische konsequenz der aufklärung, die zunächst die religion und dann die ideologie im sinne der freiheit in das private verdrängt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Captcha Captcha Reload